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Seltenes Naturschauspiel im Zwillbrocker Venn - der Lachmöwensee ist grün!

10.10.2018

Der lange, trockene Sommer hat auch in unseren Naturschutzgebieten seine Spuren hinterlassen: So vermissen die Besucher des Zwillbrocker Venns schon seit einigen Wochen den Lachmöwensee - anstelle der fast 30 Hektar großen glitzernden Wasseroberfläche sieht man jetzt eine weithin bewachense grüne bis braune Fläche; nur noch an drei besonders tiefen Stellen steht noch ein wenig Wasser.

Statt dessen ist der Seeboden fast vollständig von sattgrünen bis braunen Pflanzen eingenommen, die vegetationskundlich zu den Zweizahnfluren gerechnet werden. Dabei handelt es sich um Pflanzenarten, die regelmäßig auf trockenfallenden Sand- und Schlammböden entlang von Still- und Fließgewässern vorkommen. Dazu zählen zum Beispiel der seltene Nickende Zweizahn (Bidens cernua), die Ampferarten Sumpf- und Strandampfer sowie verschiedene Knöterich- und Gänsefußarten.

Diese wachsen auf dem nährstoffreichen Gewässerboden besonders gut; ihre Nährstoffe bekommen sie von dem trocken gefallenen Gewässerschlamm, der an der Luft von Mikroorganismen schnell zu pflanzenverfügbaren Nährstoffen zersetzt wird.

Dadurch wird der See von einem Teil seiner Schlammfracht befreit: Die Zersetzung organischen Schlamms im Gewässer verbraucht viel Sauerstoff; sind große Mengen an Schlamm im Gewässer vorhanden, kann seine Zersetzung den Sauerstoffgehalt im Wasser fast vollständig aufbrauchen, so dass das Gewässer "umkippt", wie es in diesem Sommer in Münster mit dem Aasee passierte. Vor diesem Hintergrund ist es für den Lachmöwensee gut, ab und zu trocken zu fallen und einen Teil seiner Schlammlast zu verlieren.

Sieht man genauer hin, so zeigen sich deutliche Unterschiede: Auf sandigen Böden finden sich überwiegend Gänsefußpflanzen, während auf Schlammböden die Ampferarten dominieren. Auch strukturell sind die beiden Bodenarten jetzt gut zu unterscheiden: Während sich auf dem hellen Sand kaum Strukturen zeigen, ist der Schlamm beim Trocknen stark geschrumpft - auf Flächen mit dicken Schlammauflagen zeigen sich dadurch bis zu 30 Zentimeter tiefe Trockenrisse.

Besonders gut sind jetzt auch die zahlreichen Baumwurzeln zu erkennen. Sie sind Zeugen dafür, dass auf der Fläche des heutigen Lachmöwensee in früher irgendwann einmal Bäume wuchsen.

An den Spuren im Schlamm ist zu erkennen, dass sich das Leben der Wasservögel jetzt fast nur noch an den verbliebenen Wasserstellen konzentriert. Glücklicherweise konnten die Brutvögel des Lachmöwensees ihr Brutgeschäft noch vollständig abschließen, bevor das Wasser deutlich zurückging. Für den Vogelzug bedeutet dies, dass das Zwillbrocker Venn z.B. für die rastenden arktischen Gänse als Rastplatz in diesem Herbst wohl weitgehend ausfallen wird - sie übernachten nur auf dem Wasser.

Für die weiteren wassergebundenen Tierarten (Insekten, Kleinkrebse etc.) bedeutet das fast vollständige Trockenfallen zunächst den Verlust ihres Lebenraums - die allermeisten Individuen sind dabei gestorben. Typischerweise aber werden Flachgewässer wie der Lachmöwensee zumeist von Organismen besiedelt, die ein zeitweiliges Trockenfallen ertragen können: Entweder können sich die Individuen in feuchtere Erdschichten im Boden verkriechen oder abwandern, oder sie bilden Eier oder spezielle Dauerstadien aus, die die Trockenheit überstehen können. Andere wie die meisten im Wasser lebenden Insekten, müssen nach dem Ende der Trockenphase den wieder Wasser führenden Lachmöwensee als fliegendes Insekt neu als Lebensraum besiedeln.

Für Amphibien wie den Moorfrosch ist das Trockenfallen des Lachmöwensees sogar besonders wichtig: Dadurch wird gewährleistet das der Flachsee weiterhin fischfrei ist - nur dann können die Kaulquappen dieser vom Aussterben bedrohten schönen Amphibienart ungestört im Lachmöwensee heranwachsen.

Die auf dem ehemaligen Seegrund jetzt wachsenden Pflanzen sind an den regelmäßigen Verlust ihres Lebensraum durch Überflutung angepasst - sie haben bereits nach wenigen Wochen Samen ausgebildet, die später unter Wasser sehr lange keimfähig sind und dort gut verborgen im Gewässerschlamm auf die nächste Trockenperiode warten.

Sobald der Herbst- und Winterregen einsetzt, wird sich auch der Lachmöwensee wieder langsam mit Wasser füllen. Die Pflanzen der Zeizahnfluren werden überflutet werden und absterben; die Algen des Sees werden aus ihren Dauerstadien erwachen und die aus dem zersetzten Gewässerschlamm freigesetzten Nährstoffe für ihr Wachstum nutzen. In der Folge werden auch Filtrierer wie Kleinkrebschen das neue Nahrungsangebot nutzen und sich schnell wieder ausbreiten.

Damit wird in der nächsten Brutsaison von Lachmöwe, Graugans, Flamingo & Co. im nächsten Frühjahr fast nichts mehr daran erinnern, dass der Lachmöwensee im Herbst 2018 fast vollständig von der Bildfläche verschwunden war.

 

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_B024021_ZV_2018_C_Rückriem.JPG  © C. Rückriem
In der Bildmitte ist eine der drei verbliebenen Restwasserflächen vom Aussichtsturm aus gut zu erkennen.
_B023926_ZV_2018_C_Rückriem.JPG  © C. Rückriem
Die bereits länger trocken gefallenen Partien des Seebodens sind an den inzwischen reife Samen tragenden braunen Ampferpflanzen zu erkennen; weiter seewärts sind die Pflanzen noch ohne Blüten und grün.
_D5A5181_ZV_2018_C_Rückriem.JPG  © C. Rückriem
Der stark gefährdete Nickende Zweizahn trägt die namengebenden mit 2 großen Zähnen besetzten Früchte und hat typische große Blütenköpfchen.
Der Schlamm ist durch das Trocknen stark geschrumpft und liegt lose über dem Sand des Gewässserbodens© C. Rückriem
Die dünne Schlammauflage ist beim Trocknen zu lose auf dem Sand aufliegenden Flocken geschrumpft.
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Auf dem trocknenden Schlamm haben Vögel ihre charakteristischen Spuren hinterlassen.
_B023932_ZV_2018_C_Rückriem.JPG  © C. Rückriem
An den tiefen Stellen des Lachmöwensees hat sich besonders viel Schlamm angesammelt.
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Besonders dicke Schlammauflagen reißen beim Trocknen mit spektakulären Trockenrissen auf.
_D5A5259_ZV_2018_C_Rückriem.JPG  © C. Rückriem
Wassergebundene Vögel wie Enten, Gänse und viele Watvögel können nur noch die kleinen Restwasserflächen im Lachmöwensee nutzen.
_D5A5171_ZV_2018_C_Rückriem.JPG  © C. Rückriem
Die auf einer grünen Ebene locker verteilten Baumwurzeln erinnern an Szenerien, wie man sie aus der afrikanischen Savanne kennt.

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