Schon bevor Anfang der 80er Jahre Flamingos das Zwillbrocker Venn als Brutplatz aufsuchten war es für seine Vogelwelt berühmt, insbesondere für eine der größten binnenländischen Lachmöwenkolonien Mitteleuropas. Am heutigen Weltmöwentag dürfte ein Großteil der Eier in der Lachmöwenkolonie bereits gelegt sein und die Brutpartner abwechselnd ihre Gelege bebrüten. Wir freuen uns bereits auf Mitte Mai, wenn die ersten Möwenjungen schlüpfen. Dabei machte der niederländische Verhaltensbiologe Niko Tinbergen die Entdeckung, dass Lachmöwen ungefähr eine Stunde nach dem Schlupf die Eierschalen aus dem Nestbereich entfernen. Warum aber genau dann?
Äußerlich sind die Eierschalen durch ihre gefleckte Färbung in ihrer Umgebung gut getarnt, auf der Innenseite jedoch reinweiß und damit für Räuber besser zu erkennen. Nester mit aufgebrochenen Eierschalen werden deshalb häufiger von Räubvögeln oder -säugern aufgesucht als solche ohne. Frisch geschlüpfte Küken mit noch nassem Daunengefieder werden jedoch auch gerne von benachbarten Lachmöwen gefressen, da sie leicht den Rachen hinunterrutschen. Ist das Daunengefieder erst getrocknet, verhindert dieses ein leichtes Verschlucken durch andere Lachmöwen.
Die Eltern müssen also zwischen der Gefahr eines durch aufgebrochene Eierschalen angelockten Raubtiers und benachbarten Lachmöwen, die frischgeschlüpfte Küken mit nassem Gefieder fressen, abwägen. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit von Kannibalismus höher, da den angrenzenden Lachmöwen das Nest viel eher auffällt, als dass ein Räuber aufgrund der Eierschalen das Nest findet. Deshalb hat sich während der Evolution dieser Verhaltenskompromiss durchgesetzt – die Lachmöweneltern warten, bis das Daunengefieder des Kükens vollständig getrocknet ist und entfernen erst dann die Eierschalen aus dem Nest

